Ciao, Ciao Svizzera

FC Luzern Spitzenfussball Frauen Schlussfrau Natascha Honegger hat beschlossen ihre internationale Karriere bei der „Seleção“ Brasiliens fortzusetzen und verzichtet auf das Algarve Cup Aufgebot von Nils Nielsen.

Folgt man Natascha Honegger auf Instagram oder sieht man sie eine Stunde nach Abpfiff, dann wird man vom südländischen Flair und dem starken Temperament der 21-jährigen Zürcherin erschlagen. Auf dem Platz ist das etwas weniger so. Ruhig, aufmerksam und vorsichtig spielt die Nummer 1 der FC Luzern Spitzenfussball Frauen ihre Partien durch. Das Verhalten, sehr schweizerisch. Einzig die Gelassenheit, mit der sie alles macht, lässt viele Beobachter denken, dass es ihr egal ist. Eine Fehlinterpretation, der wir Südländer und Lusophonen viel zu oft Opfer werden. In der Schweiz nimmt man scheinbar nur etwas ernst, wenn man Panik schiebt.

Natascha brennt für den Fussball und will auch gewinnen – merkt man allein schon daran, wie oft sie die Spielauslösung direkt zur Stürmerin ansetzt. Das Wort das sie am meisten spricht während des Spielst ist «Iri». Damit meint sie FCL und bis vor kurzem auch Nationalmannschaftskollegin Irina Brütsch. Mit langen Auswürfen oder mal besser-, mal schlechter- platzierten Abschlägen versucht sie die schnelle Brütsch zu lancieren und so zu einem Assist zu kommen. Auch sieht man das Strahlen in ihren Augen am Ende eines jeden gewonnen Spieles.

Daher ist es kein Wunder, dass sich Natascha – wie unsere Alea in unserem neusten Podcast treffend beschrieb – «für den Fussball entschieden hat.» Sie greift nach den weissen Sternen auf blauem Grund, sie will die Nummer 1 der „Canarinha“ werden – Brasiliens Nationalmannschaft. Dafür macht sie den für Schweizer Fussballer und Fussballerinnen so seltenen, mutigen Schritt ins Ungewisse. Raus aus der „Comfort Zone“. Denn Natascha hatte es gut mit dem SFV. Nachdem sie in den Jugendabteilungen von sich reden machen konnte, gelang ihr als Nummer 1 des FC Luzern Spitzenfussball Frauen auch der Schritt ins A-Nationalteam.

Martina Voss-Tecklenburg bot die Helveto-Brasilianierin für die entscheidenden Barrage-Spiele gegen Belgien auf. Als 3. Torhüterin. Ein Einsatz war nicht zu erwarten, dennoch eine Ehre. Nur zwei Wochen später dann der erste Dämpfer: Für die folgenden Barrage-Spiele gegen die Niederlande wurde Elvira Herzog von den FC Zürich Frauen aufgeboten, Honegger nur auf die Pikett-Liste gesetzt.

Natascha Honegger bei der Nationalhymne gegen Belgien

Natascha Honegger bei der Nationalhymne gegen Belgien

Honeggers Karriere in Rot-Weiss sollte aber weiter gehen. Mit dem Trainerwechsel im Winter kamen Nils Nielsen und Marisa Wunderlin an das Kommando des Nationalteams. Für ihr erstes Trainingslager in Südspanien boten sie 4 Torhüterinnen auf, Gaëlle Thalmann (33), Seraina Friedli (25), Nicole Stuer (22) und eben Natascha. An diesem Trainingslager zeigte Natascha was sie kann. Nicht nur überragt sie sämtliche Konkurrentinnen um 10cm, sie verfügt auch über Stärken – namentlich mit den Füssen und bei hohen Bällen – die ihre Manschaftskolleginnen nicht mitbringen.

So hiess es Anfang Februar dann auch, dass Natascha die offizielle Nummer 3 ist und sie für den Algarve Cup – einem der prestigereichsten Turniere im internationalen Frauenfussball – aufgeboten ist. Daher erstaunte es einige Tage später doch sehr, als Natascha auf ihrem Instagram Profil verlauten liess

«I have decided to represent the Brazil National Team Confederação Brasileira de Futebol for my further international career”

Es stellt sich heraus, dass man sie vom brasilianischen Verband aus beobachtet hatte und sie zu einem Trainingslager einlud. In Brasilien ist jetzt Hochsommer und die Saison hat Pause. Deshalb nützt der Verband die Chance viele junge Spielerinnen zu beobachten und praktisch 2 Monate ununterbrochen mit ihnen zu arbeiten, immerhin ist ja WM-Jahr. Zu diesen Jungen gesellte sich Natascha, sowie 4 andere Torhüterinnen. Denn Brasilien hat ein Problem. Die unbestrittene Nummer 1, Barbara, hat eine Hand-Verletzung und es ist nicht klar ob sie bis zur WM wieder zwischen den Pfosten stehen kann.

Natascha Honegger stellt in Brasilien ihre Sprungkraft unter Beweis

Natascha Honegger stellt in Brasilien ihre Sprungkraft unter Beweis

Während sie uns dies im Interview erzählt, wird klar, dass Natascha den Sport eben doch nicht so auf die leichte Schulter nimmt. Sie hat aufmerksam nach links und nach rechts geschaut und gemerkt, dass sie mit ihrer Schweizer Torhüter Ausbildung und ihrer Körpergrösse ganz klar im Stande ist, die Netze der Canarinha für die nächsten 15 Jahre zu hüten. Torhüter-Trainer Juarez Veludo ist angetan von den Fertigkeiten mit dem Fuss, die Honegger an den Tag legt.

Sowas sieht man in Brasilien nicht oft. Das Land des Fussballs hat bei den Damen die meiste Energie in den Futsal gesteckt. Der Rasensport ist erst seit kurzem und dank Marta eine gültige Alternative für Mädchen und Frauen. Und da geht es den Südamerikanerinnen so wie den Europäerinnen vor einer Generation – es fehlt die Torhüterschule. Mit Natascha hätte die Seleção die Möglichkeit ein gepflegtes Fussballspiel von hinten aus aufzuziehen. Die Brasilianerinnen wollen den Ball am Boden halten und sehr hoch pressen und stehen. Natascha Honegger kann mit den Füssen spielen und ist sehr gut in 1 gegen 1 Situationen, was bei hoch verteidigenden Abwehrreihen stets vorkommt. Passt wie die Faust aufs Auge.

Natascha ist voller Zuversicht, dass sie einen Platz im Kader der Seleção ergattern wird – aber vor allem auch, dass sie das noch eher wird, als sie in der Nati die Nummer 1 werden kann. Dazu kommt das Herz, das im Rhythmus eines Bossa Nova schlägt, jedesmal wenn sie die offene und herzliche Art der Brasilianer erlebt und erwähnt. Zudem verrät sie uns, wie schön professionell und angenehm die Bedingungen in der Granja Comary, dem Hauptquartier der Frauen Nationalmannschafts Brasiliens, waren. «In Brasilien wirst du von den Torhüter-Trainerinnen eingeschossen, nicht von den Kolleginnen. Die Spielerinnen müssen nicht selber aufstellen oder aufräumen, es wird für sie erledigt.» Ein Luxus mag jetzt einer denken, doch bei den Herren bietet der SFV diesen Luxus auch an und bei den Junioren-Abteilungen der Herren ist auch ein grösserer Komfort auszumachen als bei der Frauen-Nati. Da kann man es keiner Spielerin verübeln, dass sie sich etwas angenehmere Zustände wünscht.

Natascha honegger bei der Seleção mit ihren Torhüter-Kolleginnen

Natascha Honegger mit ihren Torhüter-Kolleginnen aus der Seleção

Abschliessend muss man sagen, hat Natascha eine schwere Entscheidung getroffen, die aber für sie die richtige ist. Sie hat sich eine Challenge ins Auge gefasst und sich nicht nur auf Träume verlassen, sondern mit einer reellen Chance entschieden für den Fussball-Giganten zu spielen und das Trikot der „Canarinha“ tragen zu wollen. Wir hoffen – und rechnen damit – dass es schon bald der Fall sein wird, schauen aber mit einem weinenden Auge in Richtung des Atlantiks, denn Natascha hätte sicher auch eine Zukunft in der Nati gehabt.

André Moita Saraiva

Author André Moita Saraiva

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